„Wir dürfen nicht vergessen“: Bewegendes Schulgespräch über den NSU-Komplex und dessen Opfer am Heisenberg-Gymnasium
Am Heisenberg-Gymnasium fand kürzlich eine Veranstaltung statt, die bei allen Beteiligten einen tiefen Eindruck hinterlassen hat: Gamze Kubasik, Tochter des 2006 vom NSU ermordeten Mehmet Kubasik, sprach gemeinsam mit Ali Sirin, der im Bündnis „Tag der Solidarität - Kein Schlussstrich Dortmund“ aktiv ist, vor Schülerinnen und Schülern der 10. und 11.Jahrgangsstufe über die verheerenden Auswirkungen des rechtsterroristischen NSU-Komplexes.
Es war kein gewöhnlicher Vortrag. In einem sehr persönlichen und emotionalen Rahmen führte Ali Sirin ein ausführliches Gespräch mit Gamze Kubasik. Dabei rückte vor allem ihre ganz persönliche Geschichte in den Mittelpunkt: die Ermordung ihres Vaters im April 2006 in seinem Kiosk in der Dortmunder Mallinckrodtstraße.
Eine doppelte Last: Trauer und Stigmatisierung
aWas Gamze Kubasik, ihre jüngeren Geschwister sowie ihre Mutter in den Jahren nach dem Anschlag erleben mussten, war für die anwesenden Jugendlichen und Lehrkräfte kaum zu begreifen. Während Gamzes Familienangehörige um ihren Vater Mehmet Kubasik trauerten, wurden sie von Polizei, Verfassungsschutz und Medien sowie weiten Teilen der Gesellschaft regelrecht kriminalisiert.
In den Medien wurde das Narrativ verbreitet, Mehmet Kubasik sei in kriminelle Machenschaften verwickelt gewesen und das Opfer einer Abrechnung im Milieu geworden. Diese einseitige Berichterstattung sowie die einseitigen Ermittlungen führten dazu, dass die Familie nicht nur den Verlust des Vaters verkraften, sondern auch Ausgrenzung durch Nachbarn und Bekannte ertragen musste. Erst die Selbstenttarnung des NSU im Jahr 2011 brachte die grausame Wahrheit ans Licht: Gamzes Vater war eines der Opfer einer rassistisch motivierten Mordserie.
Aufklärung als Lebensaufgabe
Seit 2021 engagiert sich Gamze Kubasik aktiv an Schulen, um über das Unrecht zu sprechen, das ihr und anderen Familien widerfahren ist. In dem Gespräch am Heisenberg-Gymnasium thematisierte sie offen das institutionelle Versagen der Ermittlungsbehörden sowie die verheerende Rolle der medialen Berichterstattung, die die Opfer zu Tätern machte. Dabei zitierte sie auch bewegende Passagen aus dem Jugendsachbuch, das sie zusammen mit Semiya Simsek, deren Vater im Jahr 2000 zum ersten Opfer innerhalb der NSU-Mordserie wurde, und der Autorin Christine Werner 2025 zum Thema herausgebracht hat („Unser Schmerz ist unsere Kraft - Neonazis haben unsere Väter ermordet“).
Es war der Schule ein Anliegen, den Opfern ein Gesicht zu geben und den Blick für Mechanismen zu schärfen, die Betroffene von (institutionellem) Rassismus bis heute erleben -so wurde der Kern des Austauschs deutlich.
Ein Dialog auf Augenhöhe
Der zweite Teil der Veranstaltung gehörte ganz den Schülerinnen und Schülern. In einer bewegenden Fragerunde hatten sie die Gelegenheit, Gamze Kubasik direkt zu befragen. Die Jugendlichen nutzten die Chance, ihre persönlichen Fragen zu stellen, und zeigten sich tief betroffen von den Schilderungen. Die Offenheit, mit der Gamze Kubasik über ihre Erfahrungen sprach, machte aus dem theoretischen Unterrichtsstoff über den NSU eine lebendige, menschliche Erfahrung, die niemanden unberührt ließ.
Das Schulgespräch am Heisenberg-Gymnasium war weit mehr als eine Geschichtsstunde. Es war ein eindringlicher Appell gegen das Vergessen, gegen Vorurteile und für eine aktive Erinnerungskultur, in der die Stimmen der Betroffenen endlich gehört werden.
Wir bedanken uns herzlich bei Gamze Kubasik und Ali Sirin für ihren Mut und ihre Offenheit, diesen wichtigen Dialog mit unserer Schülerschaft zu führen.
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